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Vom Krüppelheim zum Kompetenzzentrum

wir freuen uns, dass Sie sich für die Geschichte der LVR-Klinik für Orthopädie Viersen, des orthopädischen Kompetenzzentrums am Niederrhein interessieren. Unsere Klinik kann auf rund 100 bewegte Jahre zurückblicken. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg nahmen Erkrankungen wie Tuberkulose, Rachitis und Kinderlähmung, insbesondere bei Kindern, in erschreckendem Maße zu. Die Gesetzgebung hatte mit ihrem Krüppelfürsorgegesetz eine Grundlage für die Schaffung von stationären Einrichtungen zur Behandlung u.a. dieser Erkrankungen geschaffen. So beschloss der Provinzialverband der Rheinlande die Eröffnung eines zur damaligen Zeit sogenannten Krüppelheims. In unserer Broschüre lesen Sie nun über die Gründung unserer Einrichtung, die als Kinderklinik mit einer Belegungszahl von bis zu 450 Kindern.gestartet ist. Möchten Sie noch Weiteres erfahren, besuchen Sie doch unsere Geschichtsausstellung im Erdgeschoss unseres Gebäudes K2.

Die Geschichte der LVR-Klinik für Orthopädie Viersen

Die LVR-Klinik für Orthopädie Viersen wurde 1921 vom damaligen Landesfürsorgeverband der Rheinprovinz gegründet. Der 60. Rheinische Provinziallandtag stimmte im Frühjahr 1921 dem Vorschlag der Verwaltung auf Errichtung einer eigenen Krüppelheilanstalt zu. Er hielt den Aufbau einer Spezialanstalt, die in jeder Hinsicht auf die Betreuung langandauernder Pflegefälle eingerichtet sei, bei der wachsenden Zahl von „verkrüppelten“ Kindern für dringend erforderlich. Plätze zur angemessenen Versorgung der in Betracht kommenden Kinder und Jugendlichen waren nicht in ausreichendem Maß vorhanden.
Die Notwendigkeit zur Errichtung einer Anstalt wurde mit den Folgen der Kriegs- und Nachkriegszeit begründet, wo infolge Unterernährung Krankheiten wie Rachitis, Tuberkulose, Kinderlähmung gehäuft auftraten. Der Neubau einer derartigen Anstalt wurde in dieser Zeit der wirtschaftlichen Not nicht erwogen. Ausgewählt wurden die Gebäude der bereits aufgelösten Abteilung für epileptische Kinder der Heil- und Pflegeanstalt Johannistal. Diese Gebäude erschienen auf Grund ihrer „freien und gesunden Lage“ in der Nähe des Waldes als sehr geeignet rachitische und an Gelenktuberkulose leidende Kinder aufzunehmen. Die Größe des Gebietes der zukünftigen Kinderheilanstalt betrug ca. 50 Morgen. So sollte eine selbstständig agierende orthopädische Kinderheilanstalt entstehen.

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Erste Zeit in neuen Räumen - die Gründung

Am 1. August 1921 konnte die Klinik ihre ersten Patientinnen, zwei Kölner Mädchen, aufnehmen und somit ihren Gründungstag feiern. Empfangen wurden die beiden Mädchen durch zwei Ordensschwestern der Heiligenstädter Schulschwestern und den Ärztlichen Leiter der Klinik, Dr. Ludwig Roeren. Bereits nach einem halben Jahr, im März 1922, war die damalige mögliche Höchstbelegung erreicht und machte eine strenge Auswahl der kleinen Patientinnen und Patienten notwendig. Nur dringende und schwere Fälle konnten noch aufgenommen werden. Somit wurden erste Überlegungen getroffen, die Klinik räumlich zu erweitern.

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Das Haus wird zu klein - es wird gebaut

Im Winter 1921/1922 wurden erste Liegehallen an die vorhandenen Gebäude angebaut. Da diese immer noch für einen reibungslosen Klinikbetrieb unzureichend waren, wurden weitere bauliche Maßnahmen vorgenommen. Die Errichtung eines eigenen Operationssaales und einer Küche waren dringend erforderlich. Bislang wurde der Operationssaal der benachbarten Heil-und Pflegeanstalt mitbenutzt. Das Essen wurde per Bahn aus der dortigen Küche angeliefert. Der Provinziallandtag stellte dafür Mittel zur Verfügung, so dass der Bau bereits im Mai 1923 abgeschlossen werden konnte. Die mögliche Belegungsmöglichkeit erhöhte sich auf 200 Kranke. Anläßlich der 1000-Jahr-Feier der Rheinprovinz beschloss der Provinziallandtag die Erweiterung der Klinik.
Dazu gehörten:

  • der Anbau von zwei weiteren Häusern zur Gewinnung von 180 weiteren Krankenplätzen
  • der Erweiterung von Koch- und Waschküche
  • Umbau der vorhandenen Turnhalle zum Festsaal
  • Neubau einer evangelischen und katholischen Kapelle
  • Anbau eines Verwaltungsflügels
  • die Erweiterung der Klausurräume der Schwestern
  • der Neubau von Wohnungen für den Direktor, einen Arzt, einen Lehrer und einen Anstaltsbeamten

Diese Bauten wurden bis Sommer 1927 mit einem Kostenaufwand von 1,6 Millionen Reichsmark ausgeführt.

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Das Personal - eine wachsende Gemeinschaft

Das Personal der Klinik gestaltete sich zunächst aus einem Arzt, Dr. Ludwig Roeren, zwei Ordensschwestern. Dr. Ludwig Roeren bekam den großen Teil seiner orthopädische Ausbildung im Kölner Bürgerspital, bevor er am 1. August 1921 in der neu errichteten Klinik seinen Dienst begann. Ab 1922 vergrößerte sich die Anzahl der Ärzte stetig, so dass er im Jahr 1929 zum Direktor der Klinik ernannt wurde.

Für die pflegerischen Aufgaben standen Schwestern aus „der Genossenschaft der christlichen Schulen von der Barmherzigkeit“ aus dem Mutterhaus in Heiligenstadt (Eichsfeld) zur Verfügung. Die schnelle Vergrößerung der Klinik bedingte eine Aufstockung des Personals auch im Bereich der Pflege. Die Anzahl von zunächst zwei Schwestern erhöhte sich so bis zum Jahr 1927 auf 47.

Am 25. Juni 1928 wurde vom preußischen Minister für Volkswohlfahrt, die Orthopädische Provinzial-Kinder-Heil-Anstalt Süchteln als Ausbildungsstätte für Krankenpflegeberufe anerkannt. Der krankenpflegerische Nachwuchs war somit gesichert. Eigentümerin der Schule waren die Ordensschwestern, die Leitung übernahmen der Direktor Dr. Ludwig Roeren und sein Oberarzt und späterer Direktor der Klinik, Dr. Johannes Kochs. Die Ausbildung wurde im selben Herbst begonnen. Die ersten 29 Prüflinge, 20 Schwestern der Genossenschaft und acht weltliche Schülerinnen, legten am 30. August und am 2. September 1930 das staatliche Krankenpflegeexamen ab.

Die Wirtschaftsführung wurde im Jahr 1932 offiziell an die Ordensschwestern durch die Rheinische Provinzialverwaltung in Düsseldorf übergeben. In eigener Regie übernahmen sie nun die Krankenhausführung. Gegen einen pro Kind und Pflegetag zu zahlenden Pauschalsatz übernahmen sie die Verpflegung der Kinder, die Beköstigung des Pflegepersonals und des sonstigen weiblichen Personals sowie dessen Bezahlung. Inbegriffen waren die Kosten, wie z.B. für Reinigung, Instandsetzungen und Neuanschaffungen, Unterhaltung der Kirche, Schule, Sport und Unterhaltung der Kinder.

Für alle sich neu bildenden Abteilungen, wie u.a. Verwaltung, Krankenstationen, Wäscherei und Küche, wurde Personal benötigt und eingestellt. Eine Ausbildung als Hausgehilfin wurde vielen jungen Mädchen zu dieser Zeit angeboten. „Immer wieder werden aus unserem Haus von Privatstellen Köchinnen und Hausgehilfinnen erbeten. Dieser Erfolg läßt alle Mühe und Arbeit bei der Ausbildung der jungen Menschen vergessen.“ (zitiert aus „Chronik der Klinik“, Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel) Viele der weiteren dringend benötigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wie Hausgehilfinnen, Heizer, Schlosser, Hausdiener, Maschinenwärter, Nachtwächter, Anstreicher etc., wurden, soweit möglich aus als geheilt entlassenen Patienten rekrutiert.

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Die orthopädische Heilbehandlung

„Die orthopädische Heilbehandlung stellt sich die Aufgabe, Verkrüppelungen, d.h. alle dauernden Abweichungen der äußeren Form des menschlichen Körpers sowie sowie seiner Funktion, also Verkrümmungen und Lähmungen, zu heilen oder zu bessern. Oder aber Krankheitszustände die zu solcher Verkrüppelung führen können, zur Ausheilung zu bringen und dabei die Verkrüppelung selbst hintanzuhalten, wie z.B. bei der Knochen- und Gelenktuberkulose und der englischen Krankheit (Rachitis)“ (Dr. Johannes Kochs, Oberarzt , Festschrift zur Feier der Eröffnung der Neubauten1927).

Die Klinik hatte schon in ihrer Anfangszeit ein großes Behandlungsspektrum an angeborenen und erworbenen orthopädischen Erkrankungen. Beispiele für angeborene Erkrankungen sind:

  • Hüftluxation
  • Klumpfuß
  • Schiefhals

Bei den erworbenen orthopädischen Erkrankungen sind:

  • die Rachitis oder die englische Krankheit
  • die Kinderlähmung
  • die spastische Lähmung
  • die Knochen- und Gelenktuberkulose

zu erwähnen. Die Knochen- und Gelenktuberkulose war eine der häufigsten Erkrankungen. Licht, Luft und Sonne und eine gute Ernährung waren zur Gründungszeit der Klinik die einzigen wirksamen Maßnahmen im Kampf gegen diese Krankheit. Freiliegekuren auf großen offenen Terrassen, Tag und Nacht, wie die Jahreszeit es erlaubte, waren eine der therapeutischen Maßnahmen. Eine Ruhigstellung und Entlastung der erkrankten Gelenke war meist vonnöten. Bei der Wirbelsäulentuberkulose bedeutete dies oftmals strenge Bettruhe in einem Gipsbett über Monate bzw. auch über Jahre.

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Schule und Freizeitkamen nie zu kurz

Für die Schulbildung der Kinder sorgte eine eigene Krankenhausschule. Aufgeteilt in eine Ober- und Unterstufe wurden die gehfähigen Kinder in zwei Klassen unterrichtet. Die bettlägerigen Patientinnen und Patienten erhielten pro Tag zwei Stunden Bettunterricht. Dass in den meisten Fällen der Volksschulabschluss erreicht wurde, ist in erster Linie dem unermüdlichen Arbeiten der Lehrpersonen zu verdanken.

Auch auf eine kulturelle Bildung wurde Wert gelegt. Regelmäßige Veranstaltungen wie Theater- und Musikaufführungen fanden meist im Festsaal oder auf der grünen Wiese statt.

Das Spielen im Freien und eine umfassende sportliche Betätigung war für die mobilen Kinder eine Selbstverständlichkeit. Dazu stand neben kleineren Spielplätzen und großen Rasenflächen auch ein weitläufiger Sportplatz zur Verfügung.

Auch Ausflüge in die nähere, oder auch in die etwas weitere Umgebung fanden statt. Im Jahr 1927 unternahm der Ärztliche Direktor Dr. Roeren mit einer Anzahl Jungen eine achttägige Fußwanderung durch die Eifel.

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Die Gegenwart - Modernes Kompetenzzentrum für Orthopädie

Heute ist die LVR-Klinik für Orthopädie Viersen eine moderne operativ und konservativ therapierende Einrichtung. Das orthopädische Kompetenzzentrum am Niederrhein bietet das gesamte moderne Spektrum zur Behandlung von Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates, also der Knochen, Gelenke, Muskeln und Sehnen an. Ziel einer orthopädischen Behandlung ist es, die Funktionen des Stütz- und Bewegungsapparates weitestgehend aufrecht zu erhalten bzw. wiederherzustellen. Die Gesundheitsvorsorge, Prävention und Rehabilitation haben daher einen großen Stellenwert. Insgesamt werden pro Jahr ca. 3000 Patientinnen und Patienten behandelt, davon über 2000 operativ.

Das Behandlungsspektrum umfasst operative und nicht operative Methoden. Der operative Bereich beinhaltet die Knie-, Hüft- und Schulterendoprothetik (Navigationsgestützte Implantationstechniken), die Bandscheibenchirurgie, Arthroskopien (Gelenkspiegelungen), Fußchirurgie und Kinderorthopädie. Neben bewährten werden in der LVR-Klinik für Orthopädie auch modernste Therapieverfahren angeboten. Dabei sind insbesondere der minimal-invasive Einsatz von Endoprothesen, moderne Gelenkprothesen mit verbessertem Bewegungsablauf oder spezielle Kniegelenkprothesen für Frauen zu nennen. Wechseloperationen in der Hüft-bzw. Knieendoprothetik werden ebenso vorgenommen. Die Fußchirurgie nimmt einen zunehmenden Anteil ein. Für diese speziellen Problematiken besteht das Angebot der Spezialsprechstunden. Ein Teil der Operationen, insbesondere der kleineren Operationen (z.B. Gelenkspiegelungen), wird ambulant durchgeführt. Im nicht operativen Bereich nimmt die Behandlung von akuten Wirbelsäulenpatienten und multimodalen Schmerzpatienten einen breiten Raum ein. Zum Behandlungskonzept gehören neben einer differenzierten Diagnostik auch schmerztherapeutische Maßnahmen sowie physiotherapeutische Behandlungen.

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